Das Rababakomplott beim jenaer Kurztheaterspektakel (Mai 2008)




Der Link zu der veranstaltenden Gruppe
Theater im Karton
mit weit mehr Informationen über dieses Event, als wir imstande sind zu liefern.



Kurztheaterspektakel

oder

episodenhaftes Träumen

Ich gelange an der Kastanienstraße an. Das ist in Lobeda-Ost. Die Wenigsten mögen es wissen, aber auch in Lobeda kann ab und an Theater erlebt werden. Die Gruppe Theater im Karton kann bereits drei Produktionen auf ihrem Konto verbuchen. Sie setzt sich überwiegend aus Studenten und Auszubildenden zusammen und nutzt die Räumlichkeiten des Jugendmigrationsdienstes (JMD) der Arbeiterwohlfahrt. Denn hier hat Theaterarbeit nicht nur einen künstlerischen Anspruch, sondern ebenso einen interkulturellen. Ihr gegenwärtiges Projekt hört auf den Namen Kurztheaterspektakel und die Ergebnisse werden dem theaterinteressierten Publikum am 31.05.2008 im Impuls präsentiert.

Ich treffe mich mit Paul, einem Studenten der Sozial- und Verhaltenswissenschaften, dessen eigentliche Leidenschaft das Theater ist. Bereits in der Schule spielte er, in Jena war er unter anderem im Jugendtheaterclub tätig, spielt heute in der Gruppe exilTheater und leitet das Theater im Karton. Gemeinsam fahren wir nach Lobeda-West und beschauen uns den ehemaligen Jugendclub Impuls. Türen gibt es deutlich weniger als Türrahmen – wie man die Räume akustisch voneinander trennen wolle, wisse man noch nicht. Hin und wieder treffen wir auf funktionierende Steckdosen und fließendes Wasser, sagen Hallo und gehen weiter. Am Eingang zum Veranstaltungsraum befindet sich eine Bar, der Veranstaltungsraum selbst ist wie geschaffen für Theater. Wir verständigen uns mit Joost, unserem Lichtmann, wo die Stative aufgestellt werden sollen, messen die Bühne aus und fachsimpeln über Sitzplatzzahlen, Vorbereitungsräume und Bühnenverlängerung.

Paul erzählt, dass den Zuschauer sechs Kurztheaterstücke erwarten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Das sei gerade auch das Schöne, Besondere an dieser Veranstaltung, dass so viele Facetten des Theaters einmal an einem einzigen Abend erlebt werden könnten. Von der Brechtinterpretation bis zu Lovecraft, von atmosphärisch dichtem, experimentellem Theater bis zum spartanischen Bühnenbild, das allein durch seine Figuren lebt, von Humor bis Tragik, von klassisch inszeniert bis neuzeitlich improvisiert sei alles dabei, was das Theaterherz begehren könne. Die einzige Beschränkung, welche allen fünf Theatergruppen auferlegt wurde, besteht in der Einschränkung der Stücklänge auf höchstens 25 Minuten. Dorit, die als Migrationsbeauftragte angestellt ist und ebenfalls zum Theater im Karton gehört, weist darauf hin, dass neben den Theatergruppen auch die Band See Freunde mit Jazz und Funk zu erleben sein werde sowie Pantomime und der Clown Jaques, der das Publikum durch das Programm geleiten wird.

Die Idee dahinter sei einfach gewesen, fährt Paul fort, dass eine Plattform für Theater und andere Künste geschaffen werden sollte, auf der sich verschiedene Gruppen austoben könnten. Bisher sei das Theatervolk in Jena wenig vernetzt, jeder mache sein Ding und das war’s. Wenn nun mehrere Gruppen an einem gemeinsamen Projekt arbeiten würden, so die Idee, könnten daraus neue Kontakte entstehen und man würde zukünftig vielleicht öfter einmal etwas Gemeinsames machen. Neben diesem Wunsch nach Vernetzung habe aber auch die kulturelle Landschaft Lobedas zur allgemeinen Aufbruchsstimmung beigetragen, oder um es mit Dorits Worten zu sagen: Um als Lobedaer was zu erleben, brauchst du ’nen Fahrschein. Deshalb sei es gerade wichtig, das Kurztheaterspektakel in Lobeda zu veranstalten, denn der brachliegenden Kulturlandschaft sollte nicht geflohen, sondern tatendurstig begegnet werden.

Ich frage, ob die Projekte Gruppenvernetzung und Lobeda-Kulturförderung mit dem Kurztheaterspektakel ein Ende fänden – mitnichten! Die Thikas träumen von einem festen Proben- und Veranstaltungsraum für nichtprofessionelles Theater in Jena, einem monatlichen Veranstaltungsprogramm, träumen davon, viele Gruppen unter einem Dach zusammenzuführen; außerdem sollten sich andere Formen künstlerischen Ausdrucks dazugesellen, sei es nun Bildhauerei oder Zeichnen, Musik oder Ausdruckstanz. Dann könnten auch Workshops organisiert werden. Utopisch? – Nein, antwortet Paul, du brauchst nur jemanden, der was zu sagen hat und sich für dich einsetzt. Es scheitere nicht einmal wirklich am Geld, sondern an mangelnder Bereitschaft zur Fürsprache.

In einer frühen Morgenstunde des 01. Juni 2008 wird das Publikum mit ganz verschiedenen Eindrücken des eben Erlebten den Heimweg antreten. Eine Schar von Leuten wird es zur Straßenbahnhaltestelle Emil-Wölk-Straße ziehen, andere werden das Auto bevorzugen, mancher wird sich auf seinen Drahtesel schwingen und glücklich sein, dass es nicht regnet – vorausgesetzt natürlich, dass es nicht regnet. Einige werden in Lobeda bleiben. Die Beleuchtung wird zum Theaterhaus gefahren, die Theke abgewischt, die Stühle werden gestapelt und das Impuls wieder so hergerichtet, wie es übernommen wurde: leer, ungenutzt, irgendwie sinnlos. Ein Gebäude, das ist, und das ist auch schon alles, was es tut.